Chaosphänomene,
wie sie aus der klassischen Physik im Zusammenhang mit Wetterphänomenen
bekannt sind, treten auch in quantenmechanischen Vielteilchensystemen
auf. Diese bereits 2005 von Boris Fine, jetzt an der Universität
Heidelberg, aufgestellte Vermutung ist nun von amerikanischen Forschern
experimentell bestätigt worden.
Steven Morgan und Brian Saam von der University of Utah verwendeten in
ihrem Experiment vier Xenongas-Proben, die sie einem starken Magnetfeld
und einem Laser aussetzten. Nachdem sich die Spins der Kerne parallel
zum Magnetfeld ausgerichtet hatten, kühlten die Forscher das Xenon ab,
bis es fest wurde. Dann beschossen sie es mit einem Radiofrequenzpuls.
Die
Spins der Xenonkerne schwingen in den unpolarisierten Zustand zurück.
Da sie zu verschiedenen Zeitpunkten die zweite Anregung durch den
"Störpuls" erfahren, beginnen sie ihre Rückschwingphase zu
unterschiedlichen Zeiten. Die Skala zeigt einen Oszillationsbereich in
Millisekunden.
Ein solcher Puls führt dazu, dass die zuvor ausgerichteten Spins sich
für einen Augenblick senkrecht zum Feld stellen. Setzt der Puls aus, so
schwingen sie in einen unpolarisierten Zustand zurück. Dieses
charakteristische Rückschwingen, bei dem die Spins nur noch dem
Magnetfeld und den Wechselwirkungen untereinander unterworfen sind,
kann über die kernmagnetische Resonanz (NMR) gemessen werden.
Die vier Xenongas-Proben wurden nun dadurch voneinander unterschieden,
dass drei der vier Proben nach dem ersten Radiofrequenzpuls noch einem
zweiten Puls ausgesetzt wurden - jeweils in einem verschiedenen
zeitlichen Abstand vom ersten. Diese zweite "Störung" sollte zu
unterschiedlichen Anfangsbedingungen für jede Probe führen, aus denen
heraus die Spins zurückschwingen.
Schiebt
man die zeitlich versetzten Schwingungen übereinander, zeigt sich das
identische Oszillationsverhalten für alle vier Proben (rote Linie).
Obwohl die Systeme unterschiedliche Anfangsbedingungen besaßen, ist ihr
Verhalten in der Rückschwingphase bezüglich Amplitude und Zeitverlauf
identisch. Dies ist ein hier erstmals experimentell beobachtetes
Anzeichen chaotischen Verhaltens.
Die Forscher beobachteten, dass sich die vier Proben zunächst völlig
verschieden voneinander verhielten. Nach einiger Zeit jedoch besaßen
alle Proben stets das identische Oszillationsverhalten - die Systeme
"tanzten gleichförmig" in den unpolarisierten Zustand zurück. Solch
kollektives gleichförmiges Verhalten bei unterschiedlichen
Anfangsbedingungen ist ein Kennzeichen chaotischen Verhaltens.
Das Experiment zeigt, dass chaotische Phänomene eine fundamentalere
Eigenschaft unserer Welt zu sein scheinen, als bislang bekannt. Sie
beschreiben somit wohl nicht nur chemische Reaktionen, Planetenorbitale
und andere klassisch-dynamische Systeme, sondern auch Vielteilchsysteme
der Quantenmechanik. Damit stünde die Chaostheorie als zweite Säule
neben der Theorie der Thermodynamik, die bereits als ein gemeinsames
Fundament beider "Welten" - des Mikro- und des Makrokosmos - bekannt
ist. (vsp)
Quellen:
Morgan, S. et al.:
Universal Long-Time Behavior of Nuclear Spin Decays in a Solid. In:
Physical Review Letters 10.1103/PhysRevLett.101.067601, 2008.
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